Thema EUROPAN 9

European urbanity - Nachhaltige Stadt und neue öffentliche Räume

Europan will junge Architekten und Stadtplaner in Europa fördern, ihre Ideen bekannt machen und diese konzeptionell weiterentwickeln. Städte und Bauherren, die Standorte vorschlagen, werden bei Ihrer Suche nach innovativen architektonischen und städtebaulichen Ansätzen für den Stadtumbau unterstützt. Das Europan-Thema ist Inspiration und Klammer bei der Erarbeitung der Projekte und dient als Leitfaden bei der Suche nach Wettbewerbsstandorten.

European urbanity - soziale und räumliche Dimension

Das Leitthema von Europan 9, European Urbanity, unterstützt insbesondere die Zusammenarbeit der Städte und Bauherren der teilnehmenden Länder. Die europäische Vision der Stadt ist letztlich die Schaffung der Gesellschaft: Menschen in unterschiedlichen Situationen und verschiedener Herkunft sollen zusammenfinden. Dennoch sind die immer stärker ausgeprägte Individualisierung und das Interesse an Unabhängigkeit nicht außer Acht zu lassen. Europan stellt sich genau diesem Widerspruch: einerseits die belebte Stadt mit gesellschaftlichem Leben und Öffentlichkeit zu suchen und gleichzeitig das Private, das Zuhause und den vertrauten Freundeskreis zu bewahren. Urbanität kann als gemeinsames Erleben der Stadt und ihrer Funktionen begriffen werden, aber ebenso als Entwurf von Stadträumen auf stadtplanerischer und architektonischer Ebene, um Orte zu schaffen, die das Zusammentreffen von Menschen ermöglichen: den öffentlichen Raum. Urbanität provoziert auch das Nachdenken über die Formen des öffentlichen Raumes, der in seinen lokalen und übergeordneten Kontext gestellt wird.

Öffentlicher Raum: Bedeutung, Aufgaben und Grenzen

Vor der Formulierung der gemeinsamen thematischen Kriterien für die Standorte muss zunächst bestimmt werden, was Urbanität ausmacht und wie der öffentliche Raum gedacht werden kann. Idee und Begriff selbst sind in der Praxis relativ neu, der öffentliche Raum, im modernen Verständnis, existiert erst seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als eigenes Konzept. Heute gilt er in der Regel als ein Raum, der eine Reihe spezifischer Charakteristika aufweist: ein unbesetzter Raum, der zwischen dem gebauten Umfeld Spannung erzeugt; Raum der Mediation als Antrieb des sozialen Lebens; der dynamische Raum, der für die Werte, Symbole und Zeichen des urbanen Lebens steht. Der öffentliche Raum repräsentiert in der urbanen Gesellschaft das Ensemble der Orte des Übergangs, die durch ihre Nutzung allen gehören oder der Öffentlichkeit zugeschrieben werden und ohne Einschränkung allen zugänglich sind.

Der öffentliche Raum bildet zudem die räumliche Struktur, die private Bereiche miteinander verbindet, ihre Beziehungen ausbaut oder kodifiziert, ist Ort des Handels, Ausdruck des Lebens der Gemeinschaft und bestimmter Formen der Freiheit wie des Konflikts. Als Struktur bestimmt er die Stadtentwicklung und passt sich an den Standort an (Straßennetz, Infrastruktur). Der öffentliche Raum der Stadt ist auch Ort der öffentlichen Präsenz: Hier finden Behörden, städtische Einrichtungen und Maßnahmen von symbolischer oder monumentaler Bedeutung ihren Ausdruck.

Manchmal, oder als Notwendigkeit in Opposition zur Macht, ist er auch Raum der Freiheit, der Demonstration, der Aneignung, der Identifikation... Der öffentliche Raum wird geprägt von den Lebensweisen und Aktivitäten der Menschen, die ihn beleben. Diese Prägung zeigt sich in unterschiedlicher Form: Ambiente, Farben und Straßenschmuck, Märkte, städtische und Gemeinschaftseinrichtungen (Terrassen, Stände, Spiele etc.) wahren den sozialen Status und die Anonymität des Einzelnen durch die Vielfältigkeit der Situationen und Möglichkeiten der Stadt.

Der öffentliche Raum ist jederzeit zugänglich. Es gibt weder Öffnungs- noch Schließzeiten: Straßen und Plätze stehen unterschiedslos allen zur Verfügung. Wie sie genutzt werden, ist nicht immer explizit festgelegt, so lange behördliche Regeln respektiert werden.

Der öffentliche Raum ist Ort der Verständigung und friedlicher Begegnung ebenso wie Ort des Konflikts und der Unsicherheit. Damit unterwirft er sich einer bestimmten Rationalität und Organisation, und kann gleichzeitig Fantasie und Träume wecken. Der öffentliche Raum verortet sich zwischen dem Alltäglichen, dem Feierlichen und dem Spiel...

Der Versuch einer Definition wirft die Frage auf, wo der öffentliche Raum beginnt, und wo er endet. Es fängt bei seiner Abgrenzung gegenüber dem privaten Raum an: Sind Räume, die von Anwohnern genutzt werden oder durch die Nähe zu bestimmten Einrichtungen geprägt sind, öffentlicher Raum, obwohl ihre Nutzung einer spezifischen Gruppe vorbehalten ist? Lassen sich die neuen kollektiven Orte, die von gemeinsamen Interessen bestimmt werden - wie Einkaufszentren, Kultur- und Freizeiteinrichtungen, Bahnhöfe und Flughäfen - als öffentliche Räume qualifizieren? Sie sind zu bedeutenden Elementen im Projekt Stadt geworden, wo jedoch der kommerzielle Aspekt den öffentlichen Raum bestimmt.

Welchen Stellenwert kann der öffentliche Raum in den diffusen, sich zunehmend vernetzenden Stadträumen, einnehmen, in einer Zeit, in der die Frage des öffentlichen Raumes, unter den Aspekten einer nachhaltigen Stadtentwicklung, neu formuliert wird. Der öffentliche Raum Europas ist der Spannung zwischen diesen beiden Aspekten der Stadt ausgesetzt, dem hybriden Element, das sich zwischen dem "Abstrakten" und dem "Konkreten" verortet. Kann er heute noch zur Entstehung urbaner Identität beitragen?

Mit Blick auf diese Fragen möchte Europan 9 als Schnittstelle in den Dialog zwischen den urbanen Bedürfnissen der Städte und den Visionen der jungen Architekten und Stadtplaner eintreten.

Nachhaltige Stadt und Standortkriterien

Die Entwicklung von Projekten, die Urbanität fördern und sich mit der Frage nach dem Status des öffentlichen Raumes befassen, bedingt die Verortung im Kontext der Nachhaltigkeit der Stadtentwicklung: Sie dürfen der Umwelt nicht schaden sondern müssen sie vielmehr in den Umbauprozess integrieren.

Die Projekte sollen die technologische Entwicklung im Bereich der Ökologie aufgreifen (Luftqualität, Lärmbelastung, Wasserqualität, Mikroklima etc.), und es gilt vor allem auf der urbanen Ebene im Rahmen der vorgeschlagenen Standorte für den Wettbewerb qualitative Forderungen an den städtischen Raum zu formulieren. Diese greifen auf unterschiedlichen Ebenen: Mobilität und Verkehrsnetze, Dichte und Freiflächen, Mischnutzung und Intensität, Qualität und Verwaltung öffentlicher Bereiche.

Mobilität und Diversität der Fortbewegung

Das Ziel der Steuerung des Individualverkehrs und die Förderung unterschiedlicher Modi der Fortbewegung sind unerlässliche Faktoren im Streben nach Lebensqualität in der Stadt.

Standortkriterium 1: Die Europan-Standorte sollen in städtische Maßnahmen zur Förderung der Multimodalität eingebettet sein. Zwar gibt es häufig keine Alternative zum PKW als Transportmittel bei langen Wegen durch die Stadt, doch der ÖPNV und die so genannte "sanfte" Mobilität (Radfahren, Fußwege) auf Quartiersebene müssen gefördert werden. Die Frage der Diversifizierung der Transportmittel führt zu interessanten Planungsaufgaben: Wie lässt sich der Raum Straße denken, der diese Vielfalt aufnimmt, ohne eine Lösung in, speziellen Funktionen vorbehaltenen, Korridoren zu suchen, die eine Querung verhindern?

Standortkriterium 2: Es gibt mehr ruhenden Verkehr in der Stadt, als Fahrzeuge in Bewegung. Geparkt wird überwiegend im öffentlichen Straßenraum. Die Aufgabe besteht darin, den Einfluss der Fahrzeuge im öffentlichen Bereich zu reduzieren. Die Projekte für die Europan-Standorte sollen diese Fragen zu Parkraum und Parkraumverwaltung aufgreifen: Beschränkung und Alternativlösungen (Tiefgaragen, Dachgaragen, Parkhäuser etc.).

Dichte, Morphologie und Freiflächen

Die Begrenzung des Ausuferns der Stadt, die Naturraum verbraucht, ist ein wesentliches Element nachhaltiger Entwicklung. Ergänzend ergibt sich in der Stadt selbst die Forderung nach Schaffung oder Aufwertung der gemeinschaftlich genutzten Freiflächen und nach Grünraum im urbanen Kontext. Eine entsprechende Flächennutzungsplanung bedingt eine höhere Bebauungsdichte bei gleichzeitiger Öffnung hin zu derartigen Freiflächen.

Standortkriterium 3: Die Europan-Standorte sollen, bei einer Verdichtung des Gebäudebestandes, natürliche Räume einbeziehen. Ein ausgewogener Ansatz wirft dabei die raumbezogene Frage nach einer Interaktion zwischen Freiflächen und der Morphologie der Stadt auf.

Multifunktionalität und Intensität

Die funktionale Stadt trennt nach Nutzung und baut auf urbanen Zonen auf. Diese Politik begünstigte die Zersiedelung und erfordert mehr und mehr Mobilität auf dem Weg von einer Zone zur anderen. Das Ziel nachhaltiger Entwicklung besteht heute in der Förderung einer Mischnutzung, die lange Wege wieder verkürzt und soziale Interaktivität ausbaut. Wie können die Wohnquartiere urbaner und vielfältiger genutzt werden?

Standortkriterium 4: Die Europan-Standorte sollen Projekte beinhalten, die Mischnutzung einführen (auf der Ebene der Gebäude und des Quartiers). Sie sollen Fragen zum räumlichen Konzept formulieren, damit in den Quartieren ruhiges Wohnen und urbane Intensität (Gewerbe, Dienstleistungen, Freizeit etc.) nebeneinander existieren können.

Privater Raum / öffentlicher Raum

Die Stadt ist Produkt einer Vielzahl privater Initiativen, die im öffentlichen Bereich koexistieren können müssen. Die moderne, vom Konsum geprägte Stadt neigt zur Bevorzugung des Privaten und Kommerziellen sowie privater Investitionen zum Nachteil der Allgemeinheit, der Gemeinschaft und des öffentlichen Eigentums.

Standortkriterium 5: Der Umbau der Europan-Standorte kann sich auf die Erschließung privater Räume (Wohnraum, Gewerberaum) stützen, muss jedoch einen wesentlichen Teil des öffentlichen Bereichs einbeziehen, um den Wettbewerbsteilnehmern zu ermöglichen, neue öffentliche Räume als verbindenden Faktor ihrer Projekte zu konzipieren. Dabei geht es nicht nur um die Form, sondern auch um die Nutzung dieser öffentlichen Räume. Wie funktioniert der Übergang vom privaten zum öffentlichen Raum? Inwiefern kann der öffentliche Raum Plattform für unterschiedliche und variierende Nutzung sein? Wie lässt sich ein neuer Typ eines öffentlichen Raumes in Bewegung denken?

Städtebaulich-architektonische Dimension und programmatischer Rahmen

Urbanität zu schaffen ist eine Aufgabe für Architekten und Landschaftsplaner. Es sind die Gebäude, die den öffentlichen Raum begrenzen und die Straßenmöbel, ihr Dialog mit Bepflanzung und Wegeführung, die die gewünschte Atmosphäre entstehen lassen. Urbanität ist Landschaft, Atmosphäre und Raum. Sie wird gleichermaßen beim Blick aus dem Fenster wie in der Bewegung, als Fußgänger oder Autofahrer wahrgenommen. Der Europan-Wettbewerb verortet sich damit im Bereich zwischen Städtebau und Architektur und fördert die Fähigkeit, die Beziehung zwischen dem öffentlichen und dem privaten Raum zu denken und "Urbanität architektonisch zu gestalten".

Es ist schwer, die exakte Größe eines Europan-Standorts vorzugeben, doch muss seine Dimension im Verhältnis zwischen der Größe der Fläche und dem einzelnen Gebäude spezifiziert werden. Daher sollen die Standorte zwei Maßstäbe umfassen: - Der Standort für eine Studie kann groß gewählt werden, vorausgesetzt, dass eine eindeutig vorab festgelegte Raum- und Regionalplanung vorliegt (Lage großer Infrastruktureinrichtungen, Beziehung Stadt - Natur etc.). Dieser Maßstab ermöglicht den Wettbewerbsteilnehmern das Verständnis umfassender Planungsfragen und deren Einbettung in ihr Projekt. - Der Projektstandort soll den Wettbewerbsteilnehmern ermöglichen, sich explizit dem Thema der europäischen Urbanität und dem öffentlichen Raum zu nähern. Hier handelt es sich um einen Standort des Stadtumbaus, an dem eine Vielzahl von Gebäuden einbezogen und der Status des Raumes, der sie verbindet, erörtert werden kann.

Es muss einen programmatischen Rahmen für die Standorte geben, der die allgemeinen urbanen Ziele der Stadt, die spezifischen Eigenschaften des Standorts, die stadtplanerische Strategie der Bauherren am Standort selbst präzisiert, sowie eine Festlegung der geplanten Projekte beinhaltet.

Diversität urbaner Situationen und Themengruppen

Europan möchte strategische Projekte fördern, die über den Standort hinaus die Entwicklung des urbanen Raumes beeinflussen. Unabhängig von den vorgeschlagenen Kontexten geht es dabei um die Konversion konsolidierter Stadtteile, die Rehabilitierung komplexer Standorte oder nicht mehr genutzter Industriestandorte oder die Aufwertung problembehafteter Wohnquartieren.

Auf der Grundlage dieser Zielvorgabe werden die bestätigten Standorte in Themengruppen zusammengefasst. Diese schlagen die Brücke zwischen den Städten und den Bauherren, die mit denselben Problemen konfrontiert sind, und erleichtern es den Wettbewerbsteilnehmern, das spezifische Wesen der einzelnen Standorte besser nachzuvollziehen.