Thema Europan 11

Städtische Gebiete und Lebensmodelle im Einklang - welche Architektur für nachhaltige Städte?

Am 28. Februar 2011 startet EUROPAN, der größte Ideenwettbewerb für Städtebau und Architektur, zum elften Mal an rund 55 verschiedenen Standorten in 16 Ländern Europas. In Deutschland beteiligen sich die Städte Ibbenbüren, Ingolstadt, Selb, Wittstock/Dosse und Würzburg.

Junge Architekten und Planer unter 40 Jahren sind aufgerufen, sich mit aktuellen Frage­stellungen der Stadtentwicklung auseinanderzusetzen und für ausgewählte Situationen an verschiedenen Orten in ganz Europa innovative Ideen und strategische Konzepte zur Zukunft der Stadt zu entwickeln.

Angesichts der aktuellen (umwelt)politischen Diskussionen werden im Rahmen des elften EUROPAN-Wettbewerbes auf städtebaulicher wie architektonischer Ebene europaweit Stra­­tegien zur adäquaten Entwicklung urbaner Räume gesucht.

In Zeiten eines umfassenden klimatischen Umbruchs sehen sich immer mehr Städte, Gemeinden und Ballungsräume in der Pflicht, umweltgerechte Ziele zu verfolgen, die Tragweite ihres Handelns genau zu prüfen und den sorgsamen Umgang mit Ressourcen, nicht zuletzt auf planerischer Ebene, zu fördern.

Eine vorausschauende Planung, die nachhaltige Ziele verfolgt und die verschiedenen Komponenten berücksichtigt, die den Menschen und seine Umwelt betreffen, ist in der Lage einen Wandel zu generieren. Eine solche Planung wird somit zum strategischen Faktor, denn sie erhöht nicht nur die wirtschaftliche, kulturelle und soziale Anziehungskraft sondern stärkt vielmehr auch die Identität des Ortes deutlich.

In diesem Zusammenhang stellt die ausgewogene Kombination urbaner und natürlicher Struk­turen eine besondere Herausforderung dar. Die Natur muss mit der Stadt in Einklang gebracht werden, um Stadtgebiete aufzuwerten, die Wiederinbesitznahme des öffentlichen Raumes zu fördern, Ressourcen und Biodiversität zu schützen und die Zukunft der Stadt insgesamt zu stärken.

Ein Mindestmaß an Nachhaltigkeit ist durch Reduzierung des Flächenverbrauchs und der Zer­siedelung der Landschaft zu erreichen. Der Erneuerung bestehender Quartiere durch Nachverdichtung, aber auch durch teilweisen Rückbau und Neuordnung der städtischen Strukturen unter Wahrung lokaler Besonderheiten, kommt hierbei eine besondere Rolle zu.

Viele Städte sind bestrebt, künftig eine größere Autonomie zu erreichen, sei es in der regionalen Nahrungsmittelversorgung oder im Bereich Energie. Dies bedingt die Bereitschaft der Einwohner zu umweltbewusstem und -schonendem Handeln. Eine unmittelbare und allgemeine Erreichbarkeit von Dienstleistungs-, Kultur- und Freizeitangeboten reduziert den Bedarf an individueller Mobilität und fördert den sozialen Austausch.

Diese geopolitischen Zielsetzungen müssen bei der Entwicklung urbaner Räume auf städtebau-licher wie architektonischer Ebene reflektiert werden. Vor diesem Hintergrund sollen die Teilnehmer nachhaltige Entwicklungsstrategien vorschlagen, die das Potenzial haben, sich den stetig verändernden Rahmenbe­dingungen anzupassen und gleichzeitig die charakteristischen Identitäten des Ortes aufzugreifen und weiter zu entwickeln.

Die geografischen und räumlichen Gegebenheiten der Standorte haben ihren ganz eigenen, spezifischen Charakter. Die Aufgabenstellungen formulieren daher standortspezifisch individuelle Schwerpunkte, um Lösungen zu generieren, die auf die besonderen Anforderungen der Standorte eingehen.

Gesucht ist ein multidisziplinärer Ansatz, der verschiedene Kompetenzen (Planung, Landschaft, Umwelt, Wirtschaftlichkeit) synergetisch zu vereinen weiß.

Thema 1 Identität

Bei der Verknüpfung des Lokalen mit dem Globalen stellt sich die Frage der Identität – ihrer sichtbaren und imaginären Komponenten –, die den Charakter eines Ortes ausmachen. Wir werden mit einem Paradoxon konfrontiert: Während die Städte dazu tendieren, sich über den globalen Kontext zu identifizieren, riskieren sie, ihre Identität auf lokalem Niveau einzubüßen. Wie lässt sich dieser Konflikt lösen, lassen sich Maßstäbe abgleichen und ein zeitgemäßes Bild der europäischen Identität entwickeln? Heutzutage erscheint das Image als mentale Vorstellung (subjektives Image) oder als kollektive Vorstellung (öffentliches Image) wie ein Paradigma, angesichts der ständigen Schönheitskonkurrenz der Städte und Regionen. Welches sind die adäquaten Images, die heutige urbane Agglomerationen hervorrufen sollten, und zwar jenseits der jetzigen Antipoden „Icon Buildings“, „City Branding“ und „Themenwelten“ einerseits und nostalgischer Rückbesinnung auf „historische“ Strukturen und die daraus abgeleiteten Stadtbilder andererseits?

1A VON DER MARGINALITÄT ZU EINEM SINNSTIFTENDEN IMAGE

LEEUWARDEN (NL), PEJË/PEC (KO), SIMRISHAMN (SE), WIEN (AT)

Einige Gebiete bedürfen der Imagination, um von öden, undefinierten oder nutzungsentleerten Räumen in Orte mit Bedeutung transformiert zu werden. Um die Entstehung neuer Enklaven zu vermeiden, müssen sie wieder zum Teil der Stadt erklärt werden, entweder, indem sie mit der bestehenden Struktur verknüpft werden oder indem ihnen eine neue Identität verliehen wird, welche die Aneignung durch die Bewohner fördert. Gleichzeitig gilt es, bei der Schaffung einer neuen Identität, existierende Strukturen zu erhalten und das historische Erbe zu wahren.

1B VON DER PROBLEMSTELLUNG ZUM NEUEN CHARAKTER

AMSTERDAM (NL), DUBLIN (IE), DUBROVNIK (HR), IBBENBÜREN (DE), SESTAO (ES), WITTSTOCK (DE)

Selbst wenn diese Standorte keine Brachen sind, ist ihr Zustand eher unbefriedigend, es existiert der starke Wunsch nach Aufwertung und besserer Präsenz. Durch neue Programme, die auf die jeweiligen Problematiken zugeschnitten sind, können die bestehenden Strukturen mit Hilfe neuer urbaner Räume und Landmarken dynamisiert werden. Dabei stellt sich die Frage nach dem geeigneten Maßstab und den Zielen, abhängig von der Größe der Standorte und deren Einfluss, genauso wie die Frage der Umgehensweise mit dem historischen Erbe.

1C VON EINER ÜBERKOMMENEN ZU EINER NEUEN IDENTITÄT

DEVENTER (NL), EINDHOVEN (NL), GRAZ (AT), NEUILLY-SUR-MARNE (FR), OSLO (NO), REIMS (FR)

Bei dieser Gruppe von Standorten steht die Suche nach einer neuen Identität und die Frage nach den Bedingungen für einen Wandel im Vordergrund. Weil die momentane Nutzung obsolet ist, unangemessen oder einfach zu gering, entsteht der Wunsch nach einer neuen Leitidee, in Form neuer Programme, neuer Anziehungspunkte und besserer Verknüpfungen mit der Umgebung. Alle diese Orte müssen mit dem Vorhandenen umgehen, im materiellen Sinne, was bestehende Gebäude betrifft oder im übertragenen Sinne, was die historisch gewachsene, kollektive Erinnerung betrifft.

THEMA 2 NUTZUNGEN

Eine neue Nutzung an einem Standort zu implementieren ist ein strategischer Schritt mit einer großen Bandbreite von Auswirkungen auf verschiedensten Betrachtungsebenen, von der rein architektonischen bis zur sozialen und ökonomischen. Für die Standorte dieser Kategorie spielt das Programm eine wesentliche Rolle bei der Neudefinition global-lokaler Beziehungen. Der Ausgangspunkt ist bei jedem dieser Standorte verschieden, aber es lassen sich drei Untergruppen formulieren, ausgehend von dem Verhältnis zwischen einzelnen Bereichen und dem Kontext, abhängig von den relativen Dimensionen.

2A VOM BRACHLAND ZU STÄDTISCHEM LEBEN

ALMERE (NL), INGOLSTADT (DE), MONTHEY (CH), SAMBREVILLE (BE), SZEGED (HU), WARSZAWA (PL)

Brachland ist in der Regel nicht produktiv. Ob es sich dabei um landwirtschaftliche Flächen, industrielle Brachflächen oder versiegelte Freiflächen handelt, sie laden die Städte dazu ein, neue Programme in Angriff zu nehmen. Welche Strategien könnten diese Areale städtisch beleben? Wie lassen sich neue urbane Quartiere mit maximaler Aufenthaltsqualität und minimalem „Fußabdruck“ realisieren? Wie sehen zeitgemäße Wege des Zusammenlebens aus?

2B VON DER ISOLATION ZUR SOZIALEN INTEGRATION

CAPELLE AAN DEN IJSSEL (NL), CLERMONT-FERRAND (FR), LINZ (AT), MALMÖ (SE), WÜRZBURG (DE)

Eine Reihe von Fragmenten, ein isolierter Bereich, eine Lichtung im Wald; eine geringfügige lokale Intervention ist in der Lage, den gesamten Kontext aufzuwerten. Welche Nutzung kann die gesamte Umgebung positiv beeinflussen? Welche Gestaltung bietet eine offene Plattform der sozialen und ökonomischen Integration? Welches fehlende Stück gibt dem gesamten Puzzle Sinn?

2C VON ZWISCHENRÄUMEN ZU GEMEINSCHAFTLICHEN RÄUMEN

AIGLE (CH), KØBENHAVN (DK), NYNÄSHAMN (SE), RØDOVRE (DK), SELB (DE)

Zwischenräume können einfach leere Areale sein, ohne Qualitäten, die zum Umherschweifen, Verweilen, zur Inbesitznahme einladen, ohne Sinn und Zuordnung. Nur geeignet für Fahrzeuge oder den vorbeiziehenden Verkehr. Wie wird aus diesen Restflächen öffentlicher Raum? Wie werden Wegeverbindungen geknüpft? Welche Programmpakete bieten Bezugspunkte für ein gemeinsames urbanes Leben?

THEMA 3 KONNEKTIVITÄT

Unter dem Aspekt einer nachhaltigen Entwicklung behandelt das Thema „Konnektivität“ Methoden der Verknüpfung zwischen Lokalem und Globalem, zwischen Maßstab und Zeit, natürlichem und sozialem Umfeld. Das Vorhandene muss durch die Dynamik der Beziehungen zwischen Mobilität, urbanen Praktiken und öffentlichen Räumen neu gedacht werden. Drei Kategorien regenerierender Verbindungen können präzisiert werden, ausgehend von städtebaulichen Situationen, deren trennende Wirkung die Schaffung neuer Verbindungen auf verschiedensten Maßstabsebenen erfordert.

3A VON DER GRENZE ZUM SAUM

ALCALÁ DE LA SELVA (ES), ALLERØD (DK), MARCHE-EN-FAMENNE (BE), TOULOUSE (FR), TURKU (FI)

Wie vollzieht sich der Wandel von einer Grenze (Infrastruktur, Topografie), die separiert, zu einem Saum, der Verknüpfungen schafft? Zäsuren (zwischen Stadt und Landschaft, Suburbanem und Urbanem, zwischen Quartieren ...) können auf vielfältige Weise verändert werden, um so neue urbane Konnektivität zu erzeugen.

3B VOM LEERRAUM ZUM BINDEGLIED

CERDANYOLA DEL VALLÈS (ES), GETARIA (ES), HAUGESUND (NO), NORRKÖPING (SE), SAN BARTOLOMÉ (ES)

Die Standorte dieser Kategorie sind Resträume der Infrastrukturen und grüne Nischen in urbanisierten Gebieten. Sie bieten die Möglichkeit, neues Wohnen und neuartige Räume zu schaffen, die nicht nur verschiedene städtische Strukturen verbinden, sondern auch unterschiedliche soziale Gruppen von Bewohnern. Diese Leerräume haben ein hohes inhärentes Potenzial zur Schaffung öffentlicher Räume, nicht als „Orte des Luxus“, sondern im Sinne von Engagement auf ökologischer, sozialer und kultureller Ebene, als Initiative, um einen von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen gemeinsam genutzten Raum zu erzeugen.

3C VOM ORT ZUM GEBIET

ALCORCÓN (ES), GUIMARÃES (PT), PORVOO (FI), ROMAINMÔTIER (CH), SAVENAY (FR), SKIEN-PORSGRUNN (NO), STAINS (FR)

Heutige urbane Gebiete sind das Produkt verschiedenster Prozesse, die territoriale Dynamiken mit lokalen Gegebenheiten verbinden und lokalen Mikro-Aktivitäten territorialen Maßstab verleihen. Neue Verknüpfungen im gesamten Stadtgefüge entstehen oder werden gestärkt Einzelne Bezirke bündeln ihre Aktivtäten in größeren Gruppierungen, um Konnektivität zu fördern. Wenn territoriale Prozesse das lokale Geschehen dominieren, ist es zwingend notwendig, auf diesen Einfluss zu reagieren. Wie können solche Orte von einer territorialen Dynamik profitieren und Verbindungen knüpfen, ohne von ihrer Wucht überrollt zu werden.